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Erzähl‘ mir eine Geschichte – Die Schreibwerkstatt bei IN VIA Hamburg e.V.

In den Wohnunterkünften für geflüchtete Menschen in Harburg werden seit Anfang des Jahres Geschichten geschrieben. Im Rahmen des Projekts „In Kontakt“ sprechen wir mit den Bewohner:innen vor Ort und fragen sie, was sie bewegt. Manchmal wollen die Menschen von ihrer Flucht oder ihrem Heimatland erzählen. Ein anderes Mal schreiben sie eine Geschichte aus ihrem Alltag auf oder erfinden eine eigene. Die geschriebenen Texte der Teilnehmenden werden in regelmäßigen Abständen hier im Blog veröffentlicht.

Viel Spaß beim Lesen!


Das Nouruz-Fest

Hallo!

Ich bin Hussain aus Afghanistan. Ich möchte über das Nouruzfestival erzählen.

Es beginnt einen Monat vor dem Festival. Die Familien bereiten dafür alles vor. Sie beginnen einen Monat vorher. Die neue Möbel kaufen, die Wohnung dekorieren, sauber machen, einkaufen gehen und neue Kleidung kaufen. 

Am letzten Mittwochnacht des Vorjahres beginnt das Fest und die Familien machen ein großes Feuer und springen sie von der einen Seite zur anderen Seite des Feuers. Ein paar Stunden, bevor das neue Jahr beginnt, breiten die Familien eine Decke auf dem Tisch aus. Auf der Decke müssen 7 Dinge liegen, die in unsere Sprache mit dem Buchstaben „S“ anfangen. Zum Beispiel: Apfel, Knoblauch, Münzen, Oleasterfrüchte, Sawanu, Essig, Sprossen. Und warten die Familien auf das neue Jahr.

Und dann beten sie. Bei Beginn des neuen Jahr haben alle Menschen 13 Tage lang frei. Am 13. Tag des Jahres gehen alle Menschen zu öffentlichen Platz. Zum Beispiel: in die Berge oder in die Wald und sie bereiten ein Picknick. 

Dann ist das Nouruz-Fest offiziell zu Ende. Und ich wünsche mir, dass alle Menschen das Nouruz-Fest mit ihren Familien feiern können. 

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Unsere Flucht

Ich bin Madineh, ich bin in Afghanistan geboren. Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir und meinen drei Geschwistern in die Türkei geflohen. 4 Monate waren wir da. Die Türkei war sehr schön. Aber wir wollten nicht in der Türkei leben, wir wollten nach Deutschland kommen. Dafür mussten wir mit dem Schiff nach Griechenland. Beim ersten Versuch ging das Boot kaputt, wir waren 40 Leute dadrin. Erst beim achten Versuch haben wir es geschafft und kamen in Griechenland an. Dort haben sie uns Essen, Kleidung und solche Sachen gegeben. Dann sind wir mit einem großen Bus in ein Camp auf Lesbos gefahren. 1 Jahr lang waren wir dort, ich glaube das war 2019. Dann ist das Camp abgebrannt und auch alle unsere Sachen, so wie die der anderen Leute. Nachdem das Feuer endlich gelöscht worden war, konnten wir aus dem Camp rausgehen. Aber wir mussten 3 Nächte draußen vor dem Supermarkt schlafen, bis das neue Camp fertig war. Dann haben wir 4 Monate in dem neuen Camp gelebt, bis wir griechische Pässe bekommen haben. Mit den Pässen konnten wir ein Ticket für das Schiff nach Athen kaufen. 12 Stunden mussten wir mit dem Schiff fahren. Das Meer war so schrecklich; andauernd hat es geschaukelt und ist von rechts nach links. Dann waren wir endlich in Athen und nur einen Tag da. Denn wir sind mit dem Flugzeug nach Deutschland geflogen. Aber mein älterer Bruder nicht, der musste länger im Camp in Griechenland bleiben, weil er über 18 Jahre alt war. Zum Glück ist er mittlerweile in Deutschland, aber in Schwerin. Und jetzt sind wir sehr glücklich, dass unsere ganze Familie gesund in Deutschland angekommen ist. Und ich will die Schule zu Ende machen. Am liebsten will ich eine Wohnung und ein Auto haben. 



Meine Heimat in Simbabwe und meine Erfahrung in Deutschland

Ich bin zum ersten Mal im Oktober in Deutschland angekommen. Es ist ganz anders als meine Heimat Harare in Simbabwe. Das Gesicht spricht über die vielen Unterschiede zwischen Deutschland und Simbabwe, besonders Harare und Hamburg. Am Anfang hasste ich Deutschland. Es war so kalt, es gab viele Strukturen und war so allein. Ich konnte nicht so gut Deutsch sprechen und obwohl viel Leute Englisch sprechen konnten, wollten sie nicht. Tatsächlich möchten sie überhaupt nicht sprechen. Das war so seltsam für mich. In Simbabwe spricht jedermann immer mit jedem. Im Bus, im Zug, auf der Straße, sogar in verschiedenen Autos! Außerdem sind die Leute in Simbabwe so religiös. Alle sind Christen und gehen in die Kirche, sogar die Schule ist christlich! Aber hier ist es so divers. Ich glaube es gibt mehr muslimische Menschen, als christliche Leute und es ist interessant. Niemand versteht meine christlichen Witze, das ist nicht so toll. Was auch nicht so toll für mich ist, dass so viele Leute kein Fleisch essen. Besonders meine neuen Freunde. Es ist nicht so schlecht, aber es ist ein bisschen schwerer, ein Grillfest zu machen. Also, ich kann nicht so viele simbabwische Gerichte mit ihnen teilen. Aber wenn wir zusammen die Fußballspiele schauen, ist alles gut.



Meine Religion ist meine Identität

Ich komme aus Afghanistan und meine Religion ist Afghanisch-Hindu. Ich spreche Multani und meine Familie besteht aus 6 Personen: eine Person ist mein Papa, die zweite Person ist meine Mama. Dann habe ich 2 Schwestern und einen Bruder mit seiner Frau. Ich habe früher zusammen mit meiner Familie in einer Wohnung gewohnt. Dann bin ich nach Deutschland gekommen. Dann war ich in Deutschland und habe hier einen Tempel. Das ist der Afghanisch-Hindu Tempel. Dort gehe ich in der Fastenzeit hin und ich bete zu meinem Gott. Ich bete und wir essen zusammen und am Dienstag darf ich kein Fleisch essen. Ich darf nur Gemüse essen. Heute habe ich Nudel gemacht. Ich habe erstmal Zwiebel geschnitten, dann bisschen Schwarzpfeffer und Salz und bisschen Maggimasala. Dann ich hab bisschen Öl, alles Tomate rein, und dann alle Maggimasala rein. Ich hab das bisschen gekocht und bisschen Sahne genommen. Und das war mein Essen, das hab ich gekocht.

Ich habe zu Hause auch einen Tempel und ich bete auch zu Hause. Wenn es mir nicht gut geht oder ich Sorgen habe, hilft mir das Gebet und gib mir Kraft. Meine Religion ist sehr wichtig.

Ich habe eine Wohnung und die Wohnung habe ich seit 5 Jahren. Meine Wohnung hat ein Zimmer, eine Küche, ein Bad. Das ist zu klein und ich suche eine neue Wohnung mit zwei Zimmer. Ich möchte in Hamburg-Harburg bleiben, weil Harburg hat alles: Supermarkt, Hausarzt und Außenmühlenpark. Ich bin glücklich. Ich habe Hilfe bei der Hanse Betreuung gehabt. Danach habe ich eine wichtige Beratung gefunden und ich sage: Vielen Dank, du hast so viel geholfen. Du bist die beste Beratung und du bist immer nett zu mir. Ich sage Danke zu dir und Danke Deutschland! Es ist so viel besser für mich hier geworden.  

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Afghanistan - Das Land meiner Träume

Ich bin eine junge afghanische Frau und bin 25 Jahre alt. Meine Großeltern und auch meine Eltern kommen aus Afghanistan. Meine Eltern aber sind in den Iran geflüchtet, als sie sehr jung waren. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie in Afghanistan gelebt haben. Jetzt weiß ich, dass Afghanistan ein schönes Land ist mit gutem Wetter, vier Jahreszeiten und grünen Bergen und Tälern. Es gibt im ganzen Jahr viele Veranstaltungen. Die Frauen ziehen bunte Kleidung an und die Kinder sind glücklich. Aber schade: mein Land hat keine Ruhe. Ausländische Kräfte sind immer noch in Afghanistan, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Was deshalb passiert, ist: Bildung für die Frauen ist verboten, Freiheit, Musik und viele Themen sind auch verboten. Die neuen Gesetze bringen Armut, Unsicherheit und dann fliehen die Menschen. Meine Eltern sind deswegen geflüchtet. Meine Geschwister und ich sind im Iran aufgewachsen. Mit 25 Jahren sage ich, dass der Iran nicht mein Land ist, obwohl ich da aufgewachsen bin. Ich denke aber, dass ich auch nicht Afghanin bin, weil Afghanen mich nicht als Afghanin akzeptieren. Und im Iran wurde ich auch nicht akzeptiert, weil ich eine Afghanin bin. Wer also bin ich??? Eigentlich bin ich eine Iranerin oder eine Afghanin, also jemand mit zwei Nationen, aber leider ist dieses Wort im Iran und in Afghanistan nicht sehr bekannt. Meine Eltern leben seit über 40 Jahren im Iran. Das war aber schwierig. Ich wollte dort nicht leben, weil mein Schicksal im Iran unsicher war. Im Iran bin ich in die Schule gegangen. Zu Hause haben wir iranisch gesprochen. Ich bin mit einer iranischen Kultur aufgewachsen. Afghanistan war nur ein Traumbild für mich. Ich bin 2015 in Deutschland angekommen. Die Flucht war ehrlich gesagt gefährlich. Ich habe ein paar Länder gesehen, meine schlimmsten Erinnerungen waren die vom Meer. Über 30 oder 40 Personen in einem kleinen Schlauchboot ohne Sicherheit. Darüber kann ich nicht mehr reden. Zum Glück lebe ich noch. Jetzt bin ich in Deutschland, aber ich musste mich wieder für ein neues Leben öffnen. Ein neues Leben ohne meine Familie. Mein Vater hat Krebs bekommen, als mein Bruder, seine Familie und ich gerade nach Deutschland geflüchtet sind. Seine Krankheit ist schlimmer geworden, je länger wir unterwegs waren, weil er viel Angst um uns hatte. Nach einem Monat ist er gestorben und ich habe eine Depression bekommen. Ich war allein ohne meinen Bruder in der Erstaufnahme für Jugendliche in Hamburg. Eine neue Sprache, unbekannte Menschen, Depression und viel zu viele Gedanken haben mich jederzeit gestört. Zum Glück hat sich alles sehr schnell zum Positiven verändert: eine WG mit anderen jungen Frauen, eine Schule, neue Freunde. Seit fast 8 Jahren bin ich jetzt in Deutschland. Nach der 10. Klasse habe ich sofort meine Ausbildung im Screen Design angefangen und erfolgreich beendet. Ich habe jetzt 2 Kinder. Mein zweites Kind ist noch nicht geboren, aber ich habe jetzt schon einen Plan für meine Zukunft. Wenn mein Sohn ein bisschen aufgewachsen ist, möchte ich eine Arbeit anfangen. Es ist sehr schön, dass ich hier in Deutschland meine Ziele sehr schnell erreichen kann. Ich bin sehr dankbar dafür, weil ich jetzt einen sicheren Lebensplan habe. Ich denke aber: jedes neue Leben hat seine Vor- und Nachteile. Ich fühle mich immer noch allein, obwohl ich hier in Deutschland meine eigene Familie und viele Freunde habe. Aber mein Herz und mein Inneres ist nicht ganz zufrieden. Ich vermisse meine Familie im Iran. Ich wünschte, es gäbe nirgendwo auf der Welt Krieg oder Unsicherheit

 

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Alte Kultur

Ich wollte meine Familie nicht verlassen, aber musste das machen wegen meiner Gesundheit. Meine Oma wollte, dass ich beschnitten werde. Ich war damals 6 Jahre alt und mein Vater war gestorben. Meine Mutter war bei uns zu Hause.

Eines Tages wollte meine Mutter meine Tante besuchen, die in Äthiopien lebt. Sie hat mich und meine Oma allein zu Hause gelassen und meine Oma wollte diese Chance nutzen, um mich beschneiden zu lassen. Ich konnte nichts sagen oder entscheiden. Ich war 6 Jahre alt und wenn Oma etwas sagte, musste die ganze Familie es akzeptieren. Oma hat ihre Entscheidung verfolgt und mich beschneiden lassen. Ohne Betäubung. Ich habe nur geweint und viel geblutet. Ich hatte die ganze Zeit Schmerzen und habe immerzu geweint. Keine Schmerzmittel. Ich konnte nicht schlafen und ich hatte in der Nacht Angst, dass jemand kommt und das noch mal mit mir macht. Ich habe 7 Tage nur Wasser getrunken. Dann kam meine Mutter und hat gesehen, was passiert ist. Sie hat mit meiner Oma diskutiert. Sie wollte nicht, dass so ich beschnitten war, wie meine Oma das gemacht hat. Sie war als meine Mutter voll gegen das Beschneiden. Und das hat mich beruhigt. Und das hat mir Hoffnung gegeben, dass ich nicht noch mal Schmerzen kriege.

Aber ich hatte wieder Schmerzen, weil ich beim Spielen hingefallen bin und die Stelle nicht geheilt war. Sie ist wieder aufgegangen und ich musste noch mal genäht werden. Meine Mutter war wieder dagegen. Auch ich wollte das nicht nochmal. Ich wollte nicht noch mal diese Schmerzen erleben. Mama hat zu mir gesagt: „Du musst dieses Haus verlassen.“ Weil meine Oma wollte unbedingt, dass ich noch einmal beschnitten werde. Meine Mutter hat mir vorgeschlagen, dass ich zu meiner Tante nach Äthiopien gehe. Da habe ich direkt „ja“ gesagt und alles so schnell vorbereitet, dass ich zu meiner Tante gehe und keine Schmerzen mehr habe.

Meine Tante hat mir geholfen, bis ich in Deutschland war. Sie hat mir geholfen, damit ich nicht zu meiner Oma zurückmuss und noch mal erlebe, was damals passiert ist. Dafür bin ich meiner Tante sehr dankbar. Sie hat was Nettes getan.

Ich bin jetzt in Deutschland ich denke immer noch an die Schmerzen, die ich als Kind in Somalia hatte. Ich spüre zwar keine Schmerzen mehr, aber im Kopf bleibt die Erinnerung. Ich habe jetzt eine Tochter und will ihr niemals antun, was meine Oma mir angetan hat. Ich bin eine gläubige Muslimin, aber im Koran steht nicht, dass wir Frauen Sünde in uns tragen und beschnitten werden müssen. Es ist einfach eine alte Kultur und für mich ist es eine Katastrophe. Wenn man menschlich ist, dann macht man das nicht.